Guter Putt? Kommt drauf an
Bei den diesjährigen Clubmeisterschaften habe ich über zwei Runden mit einigen jungen Talenten gespielt. Alle zwischen Handicap 0 und 9. In Sachen Talent, Kraft und Athletik war ich diesen Spielern hoffnungslos unterlegen. Nur auf den Grüns war davon nichts zu sehen.

Dabei fehlte es den jungen Spielern nicht an Wissen. Im Gegenteil. Einer spielte mit dem AimPoint-System. Ein anderer richtete den Ball penibel mit Schrift und Kreis auf die Ziellinie aus. Alle hatten eine ausgiebige Routine, bevor sie den Putter überhaupt hinter den Ball legten. Techniken, Systeme, Vorbereitung – alles da. Nur das Ergebnis fehlte.
Drei Szenen, die mir im Kopf geblieben sind
Der AimPoint-Spieler. Auf den ersten Löchern brauchte er sehr lange, bis er endlich puttete. Gleich auf der Eins, einem Par 5, war er in zwei Schlägen am Grün – und brauchte dann drei Putts. Immerhin zum Par. Aber im weiteren Verlauf der Runde verpasste er viele machbare Putts. Die Grüns waren schnell und hatten ihre Breaks, es kamen ein paar Drei-Putts dazu. Ich hingegen erwischte einen exzellenten Tag am Grün – während der Rest meines Spiels alles andere als sauber war. Auf den ersten neun Löchern stand ich dennoch meist als Erster am nächsten Abschlag.
Irgendwann war er von seinem Putten so genervt, dass er AimPoint komplett aufgab und einfach ohne große Vorbereitung puttete. Das Ergebnis? Vergleichbar. Nur ging es jetzt deutlich zügiger. Aber man merkte, dass er nicht so richtig daran glaubte, dass das Birdie auch mal fallen könnte. Zumal er bei für ihn relevanten Birdie-Putts dann doch wieder die AimPoint-Methode auspackte.
Und da habe ich mich gefragt: Ist nicht jeder Putt einfach ein Putt? Beziehungsweise ein Schlag? Wer nur bei den wichtigen Putts sorgfältig ist, sagt sich damit selbst, dass alle anderen weniger zählen. Genau so fühlt es sich dann auch an, wenn man über dem Ball steht.
Der Spieler mit den langen Putts. Aus der Distanz puttete er richtig gut. Länge, Gefühl, Kontrolle – alles da. Aber sobald es auf eineinhalb Meter oder kürzer ging, war jedes Selbstvertrauen weg. Er schob den Ball ganz langsam Richtung Loch, damit er mit der letzten Umdrehung hineinfallen sollte. Der Ball entschied sich aber meist anders: Er nahm bei dem geringen Speed den Break übermäßig stark an und blieb rechts oder links vom Loch liegen. Aus meiner Sicht ist das die absolut falsche Vorstellung davon, wie so ein Putt gespielt werden kann.
Der Spieler, der es nie gemerkt hat. Ein paar Wochen zuvor hatte ich bei einem Clubturnier mit einem etwas höheren Handicapper gespielt, der sich vor jedem entscheidenden Putt lautstark selbst herunterredete: aus dieser Entfernung habe er ohnehin wieder kein Glück. Und wie kam es? Natürlich liefen fast alle Putts aus machbaren Entfernungen am Loch vorbei.
Nur lag das nicht am Glück. Er konnte den Ball schlicht nicht dorthin putten, wo er ihn haben wollte. Besonders deutlich war das bei einem schwierigen Bergab-Putt aus rund eineinhalb Metern mit leichtem Break: Der Ball war so weit von der Ideallinie weg, dass er nie eine Chance hatte zu fallen. Und trotzdem kam das Schimpfen und der Aufschrei „Das gibt's doch nicht!".
Genau das ist der Punkt. Er hat nicht gesehen, was passiert ist. r hat nur gesehen, dass der Ball nicht gefallen ist.
Worauf ich hinaus will
Beim Putten geht es nicht um Kraft. Und auch nicht um besonders gute Technik. Die Bewegung ist so einfach, dass sie am Ende jeder Spieler technisch lösen kann (mal abgesehen von Yips, aber sogar da gibt es mit dem Broomstick eine passable Lösung).
Entscheidend ist etwas anderes: die Vorstellung davon, was ein guter Putt überhaupt ist.
- Es gibt gute Putts, die nicht fallen. Der Ball geht genau dorthin, wo ich ihn haben will. Trotzdem landet er neben dem Loch – weil ich den Break falsch gelesen habe, weil ich die Geschwindigkeit falsch eingeschätzt habe, weil das Grün an einer Stelle nicht ganz sauber gemäht war. Die Ausführung war richtig. So ein Putt ist gut – ob er reingeht oder nicht.
- Und es gibt schlechte Putts, die fallen. Der Ball wird angeschnitten. Der Treffpunkt lag innen oder außen neben dem Sweet Spot. Die Hände rotieren, weil der Kopf sich nicht sicher ist, ob der Putt nicht doch „etwas mehr nach rechts" hängt. Alles, was danach passiert, ist reine Glückssache. Man kann sich verlesen und den Ball anschneiden – und er verschwindet trotzdem im Loch. Man kann den Ball durch den Break schießen, er springt gegen die hintere Lochkante und fällt. Das ist schön für den Score. Aber es war kein guter Putt. Und es sorgt nicht für das Selbstvertrauen, das gute Putter haben.
Genau hier liegt der Unterschied zwischen Erfahrung und Technikwissen. Bei den jungen Spielern habe ich es geahnt, beim einem habe ich es laut gehört: Alle vier bewerteten ihre Putts nach dem Ergebnis. Der eine legte deshalb sein System weg, der andere traute sich den Meter-Putt nicht mehr zu, der dritte schimpfte über Putts, die nie eine Chance hatten. Wer sich nach dem Ergebnis bewertet, verliert nach verfehlten Putts zu schnell das Vertrauen in eine Bewegung, die eigentlich völlig in Ordnung war.
Was ich dir mitgeben möchte
Beurteile deine Putts ab sofort nach der Ausführung, nicht nach dem Ergebnis. Frag dich nach jedem Putt nur zwei Dinge:
- Habe ich den Ball sauber getroffen?
- Ist er auf der Linie und mit der Geschwindigkeit losgelaufen, die ich mir vorgenommen hatte?
Mach daraus ein kleines Experiment für deine nächste Runde: einen Haken auf der Scorekarte, wenn beides passt, ein Kreuz, wenn nicht. Nach 18 Löchern hast du eine ehrlichere Zahl als deine Putt-Statistik.
Überwiegen die Haken deutlich, ist dein Putten in Ordnung – auch wenn der Score etwas anderes erzählt. Dann geht es für dich um situatives Training und darum, Vertrauen aufzubauen. Die Ergebnisse kommen dann von selbst.
Stehen dort viele Kreuze, arbeite zuerst an der Ausführung. Ein anderer Griff kann helfen, ein Putter-Fitting, oder Methoden wie AimPoint oder Audio Golf. Und spiele immer dasselbe Ballmodell. Nur so gewöhnst du dich an das Gefühl am Schläger und daran, wie weit der Ball ausrollt.


